Wie ist die Methode hinter dem System?

Kurzinterpretation der Hohen Ägyptischen Freimaurerei

Alessandro Graf von Cagliostro bezog laut dem Inquisitionsbericht die Idee zu seiner Hohen Ägyptischen Freimaurerei aus einem Manuskript, das er angeblich in einem Londoner Buchladen (1776) gefunden haben soll. Dieser Text war wohl von einem Mann namens George Coston (oder Cofton) geschrieben worden. Sicherlich muss man nach den neuesten Forschungsergebnissen den Promoter des Hochgradsystems und das Hochgradsystem selbst sehr differenziert betrachten.

Pentagramm der fünf Elemente

Cagliostros drei Grade entsprechen laut dem Lyoner Manuskript von 1784 der geistig-alchemistischen Wandlung (d.h. der Metanoia) der Individualpersönlichkeit. Es geht um die vier Elemente und deren Erlösung im fünften Element, d.h. im Geist (Äther) und der damit verbundenen Wiederaufrichtung des gefallenen Menschen. Der obere Punkt des Pentagramms repräsentiert dabei den Geist bzw. den Äther, die anderen vier repräsentieren Erde, Feuer, Wasser und Luft. Durchläuft der Adept – wie gleich anhand der Grade beschrieben werden wird – die Etappen der Hohen Ägyptischen Freimaurerei und damit die vier Elemente, vergeistigt er sich und wird selbst zum fünften Element, zum Geist, zum Äther und soll damit in eine bewusste kosmische Einheit eintreten.

Jedes der vier Elemente repräsentiert einen eigenen Aspekt der geistig-alchemistischen Wandlung der menschlichen Individualpersönlichkeit. Die Erde symbolisiert den Instinkt; Feuer – den Willen; Wasser – die Emotionen und Luft – den Intellekt. Der Adept lernt auf dem schmalen und steinigen Weg der Tugend und Wahrheit den Instinkt (Erde), den Willen (Feuer), die Emotionen (Wasser) und den Intellekt (Luft) zu beherrschen, um mündig (Geist/Äther) zu werden, d.h. um sich zu vergeistigen.

Text aus dem Ritual des Ägyptischen Meistergrades:

Wenn du aufrichtig wünschst, das Wissen über den Großen Gott, das Universum und über dich selbst zu erlangen, musst du zustimmen, zu versprechen sowie zu geloben, dein vergangenes Leben hinter dir zu lassen und deine Angelegenheiten so zu regeln, dass du ein freier Mensch werden kannst.

Die Ägyptischen Meister, die zu den 12 Auserwählten Gottes gehören, tragen in den Ritualen eine feuerfarbene Schärpe über einem weißen Gewand, die von rechts nach links getragen wird u.a. als Hinweis, dass sie bereits als Ägyptische Lehrlinge allegorisch durch das Feuer gegangen sind; weiter tragen die 12 Auserwählten Gottes weiße Schuhe für die Erde und einen blauen Seidengürtel über dem weißen Gewand für das Wasser, aber unter der roten Schärpe. Das weiße Gewand steht für die Luft. Die 12 Auserwählten Gottes selbst repräsentieren damit das fünfte Element bzw. die Vergeistigung.

Kammer der Reflexion

Emblem zum Vitriol aus Daniel Stolzens von Stolzenberg: Chymisches Lustgärtlein: Mit schönen in Kupffer geschnittenen Figuren gezieret/auch mit Poetischen Gemälden illustrirt und erleutert; Also daß es nicht allein Augen und Gemüt erquicket/sondern zugleich […]. Franckfurt 1624. XCV. Fig.

In der Kammer der Reflexion – nicht mit der „Dunklen Kammer“ der herkömmlichen Freimaurerei zu verwechseln – befindet sich auf der Schautafel eine Pyramide mit einer Höhle/Grotte darunter. Es handelt sich dabei um eine Anspielung auf das Wort »Vitriolum«, das erstmals in der Schrift „L‘Azoth des philosophes“ (1659) als Akronym thematisiert wird, obwohl die ältere Erwähnung von 1624 stammt (siehe Abb. 2): „Visita interiora terrae, rectificando invenies occultum lapidem, veram medicinam“, was zu Deutsch heißt: „Betrachte, was im Inneren der Erde liegt: indem du es läuterst, wirst du einen zuvor verborgenen Stein erhalten, das wahre Heilmittel.“

Genau um dieses Heilmittel, um den Stein der Weisen geht es im restlichen Aufbau des weiterführenden Hochgradsystems der Hohen Ägyptischen Freimaurerei. Die Kammer der Reflexion steht für das Element Erde und sie ist eine Anspielung auf das Alte Testament (vgl. 1. Moses 2,7): „Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.“

Die Kammer der Reflexion steht ebenso für das vergangene Leben, wie auch für die herkömmliche Freimaurerei, d.h. für die blauen bzw. die symbolischen Grade zzgl. aber des Erwählten Meisters bzw. des Schottischen Meisters, also dem IV. Grad. Die Kammer der Reflexion wird auch im Gesellengrad und im Meistergrad genutzt, jedoch nur im Lehrlingsgrad befindet sich darin die erwähnte Schautafel.

Ägyptischer Lehrling

Lehrlingsgrad der Hohen Ägyptischen Freimaurerei

Im schwarzen Anzug wird der Adept nach siebenmaligem Klopfen in den Tempel geführt. Im Lehrlingsgrad wird er mit dem Feuer rituell gereinigt; daher steht der Lehrlingsgrad der Hohen Ägyptischen Freimaurerei für das Element Feuer. Aus der Erde entstanden und durch das Feuer gereinigt. Nachdem der Schwur geleistet wurde, kleidet ihn der Ehrwürdige Meister während des Rituals in ein ganz weißes Gewand über den schwarzen Anzug, das mit einer weißen Kordel [Zingulum] umgürtet wird. Die Farbe Weiß ist hier als Farbe der Reinheit und nicht der Unschuld zu verstehen.

Hinter dem Ehrwürdigen Meister befinden sich Sonne und Mond an der Wand und zwischen beiden ist ein Dreieck mit dem hebräischen Namen Jehova in einem Strahlenkranz angebracht.

Ägyptische Gesellin

Gesellengrad der Hohen Ägyptischen Freimaurerei

Im Gesellengrad ist der Adept wieder in einem schwarzen Anzug. Die einstige Unschuld des Menschen – die selbstverschuldete Unmündigkeit – wird durch die Wiederaufnahme, Vereinleibung oder Trinken der Urmaterie in Form einer roten Flüssigkeit aufgehoben = Element Wasser. Nach dem Schwur legt ihm der Ehrwürdige Meister über den schwarzen Anzug das gleiche weiße Gewand wie im Lehrlingsgrad an und umgürtet ihn ebenfalls mit derselben weißen Kordel [Zingulum]. Die Farbe Weiß ist hier als Farbe der Unschuld zu verstehen.

Meistergrad der Hohen Ägyptischen Freimaurerei

Ägyptischer Meister

Als Reminiszenz an den Lehrlingsgrad und Gesellengrad der Hohen Ägyptischen Freimaurerei trägt der Adept wiederum nur einen schwarzen Anzug. Im Meistergrad werden genau über den Stellen, wo sich Kohlebecken und die vier Tetramorphen Wesen (Mensch, Löwe, Stier und Adler) befinden – vom Ehrwürdigen Meister mit seinem rituellen Schwert vier Kreise in die Luft gezeichnet (Element Luft). Der Ehrwürdige Meister oder sein Stellvertreter ziehen dem Adepten nach dem Schwur folgendes an: weiße Tunika, weiße Schuhe und den blauen Seidengürtel; und er erhält feierlich die rote Schärpe der Ägyptischen Meister (aber ohne das Rosensymbol der Ehrwürdigen Meister), die von rechts nach links getragen wird. Von nun an trägt der neue Meister der Hohen Ägyptischen Freimaurerei diese oben beschriebene Bekleidung des Meistergrades bei jeder rituellen Arbeit, wenn er die Funktion einer der 12 Auserwählten Gottes [= Apostel] wahrnimmt.

In der Rückschau des Meistergrades der Hohen Ägyptischen Freimaurerei stehen daher die vier Tetramorphen Wesen auch für die christlichen Evangelisten und für die einzelnen Grade selbst. So ist das Element Erde in der Kammer der Reflexion auch gleichzeitig der Stier und der Evangelist Lukas; das Element Feuer im Lehrlingsgrad steht gleichzeitig für den Löwen und den Evangelisten Markus. So ist das Element Wasser im Gesellengrad auch gleichzeitig der Mensch und der Evangelist Matthäus. Das Element Luft im Meistergrad symbolisiert gleichzeitig den Adler und den Evangelisten Johannes. Ganz bewusst ist also das Johannes-Evangelium der Abschluss dieses weiterführenden Hochgradsystems; jenes Evangelium, das bei den meisten Freimaurer-Systemen aufgeschlagen auf dem Altar liegt.