
Die Gestalt von Alessandro Graf von Cagliostro (1743-1795) löst in der Neuzeit bei den meisten Menschen, aber insbesondere bei Italienern und Freimaurern, immer noch die verschiedensten Emotionen aus. Zumeist wird der Graf mit Giuseppe Balsamo identifiziert und als Scharlatan abgestempelt. Dieser Konsens resultiert aus verschiedenen Büchern, die im Laufe der Jahrhunderte über ihn geschrieben wurden. Jedoch bleibt zumeist unberücksichtigt, dass erst nach der Halsbandaffäre 1785/1786 dieses Gerücht gestreut wurde und dass beim Inquisitionsprozess die Familie von Giuseppe Balsamo gar nicht zur Zeugenvernehmung geladen wurde.
Betrachtet man aber das Leben von Cagliostro und Balsamo, gibt es vergleichbar viele Ungereimtheiten. Doch ein Mann, der in ganz Europa so viel Aufsehen erregte, wurde von den Behörden nie als Cagliostro erkannt. Sowohl die englischen als auch die französischen Behörden wären mehrfach in der Lage gewesen, den Grafen und die Gräfin als Betrüger zu entlarven und festzunehmen. Giuseppe Balsamo und seine Ehefrau Lorenza waren mehr als einmal wegen geringfügiger Vergehen mit den Behörden in Berührung geraten, vor allem in Paris, als Balsamo seine Ehefrau wegen Ungebührlichkeit inhaftieren ließ.
Barberi schreibt im Bericht der Inquisition, dass Cagliostro die Idee zu seiner »Ägyptischen Freimaurerei« aus einem Manuskript herleitete, das er angeblich in einem Londoner Buchladen (1776) gefunden hat. Dieser Text soll von einem Mann namens George Coston (oder Cofton) geschrieben worden sein, von dem niemand mehr etwas gehört hat.

Alessandro Cagliostro wurde am 12.04.1777 bei seinem zweiten London-Aufenthalt in die Freimaurerloge d‘Esperance aufgenommen. Die Freimaurerloge war wohl gemischt, denn Seraphina wurde ebenfalls am gleichen Tag aufgenommen. Die Loge gehörte nicht der »Strikten Observanz« an, wie oft wiedergegeben wird: ein Freimaurer-System, das Mitte des 18. Jahrhunderts vom ostdeutschen Reichsfreiherrn von Hund (1722-1776) gegründet wurde. Denn eine solche Freimaurerloge wird weder in den Aufzeichnungen des Reichsfreiherrn von Hund noch in denen der Großloge von England in London (erst ab 1813 Vereinigte Großloge von England) erwähnt.
Cagliostro impliziert in seinem „Brief an das Englische Volk“ (1786), dass er zu der Zeit (1777) bereits Freimaurer gewesen sei und sich nur als Postulant, d.h. er spielte nur den Nichtfreimaurer, in die Freimaurerloge d‘Esperance aufnehmen ließ. Was mit einer vermeintlichen Aufnahme im Zeitraum um 1767 in Neapel erklärt werden könnte, die der emeritierte Großmeister Raimondo di Sangro, VII. Fürst von Sansevero (1710-1771) durchgeführt hat. In England ließen sich beide wahrscheinlich aufnehmen, um einerseits das Ritual aus dem Buch der Ägyptischen Freimaurerei von 1776 selbst miterleben zu können und andererseits um besser in die aristokratischen Kreise vordringen zu können.

Cagliostros Todesurteil (1790) wurde zwar unverhofft von Papst Pius VI. (1717-1799) in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, aber es blieb eine verzögerte Todesstrafe. Bis zu seinem Tod (1795) befand er sich in der Inquisitionsfestung San Leo unter menschenunwürdigen Bedingungen. Noch heute wird seine Zelle besucht und es werden Blumen als Hommage an einen missverstandenen und unterschätzten Visionär niedergelegt.
